Spinell: der Stein, der für Rubin gehalten wurde

Im vorderen Kreuz der britischen Imperial State Crown sitzt ein 170-Karat-Stein, der seit Jahrhunderten „Black Prince’s Ruby“ heißt. Er ist kein Rubin. Er ist ein Spinell – und er ist nicht der einzige.

Der ebenfalls zu den Kronjuwelen gehörende „Timur Ruby“ von rund 352 Karat galt lange als größter Rubin der Welt. 1851 stellte sich heraus: auch Spinell.

Warum das so lange niemand merkte

Bis ins späte 18. Jahrhundert hieß jeder rote Edelstein schlicht Rubin. Die Unterscheidung war keine Nachlässigkeit, sondern schlicht nicht möglich: Es gab weder eine Kristallchemie noch die Geräte, mit denen man zwei rote, harte, glänzende Steine hätte trennen können.

Erst als Mineralogen anfingen, Kristallformen und Zusammensetzungen systematisch zu erfassen, wurde klar, dass hier zwei verschiedene Minerale unter einem Namen liefen – und dass ein erheblicher Teil der berühmtesten „Rubine“ Europas zur zweiten Gruppe gehörte.

Was Spinell eigentlich ist

  Rubin (Korund) Spinell
Chemie Aluminiumoxid Magnesium-Aluminium-Oxid
Härte (Mohs) 9 8
Dichte 4,00 3,58–3,61
Kristallsystem trigonal kubisch
Zwei Farben? ja, deutlich nein, nie

Der Test, der die Sache in Sekunden klärt

Die letzte Zeile ist der ganze Schlüssel. Spinell ist kubisch – in jeder Richtung gleich aufgebaut. Damit gibt es keine ausgezeichnete Achse, und ohne die kann ein Stein keine zwei Farben zeigen.

Zeigt der Stein aus zwei Richtungen zwei Farbtöne, ist es kein Spinell. Zeigt er nur einen, ist es kein Rubin. Das ist eine der wenigen Unterscheidungen in der Gemmologie, die wirklich schwarz-weiß ist.

Wie man das mit bloßem Auge oder einem Dichroskop prüft: Pleochroismus: zwei Farben aus zwei Richtungen.

Zweite Bestätigung, falls gewünscht: die Dichte. 4,00 gegen 3,6 ist ein Unterschied von rund zehn Prozent und mit einer Feinwaage klar messbar – Die Dichte verrät den Stein.

Und die Fluoreszenz

Beide können im Sonnenlicht glühen, denn bei beiden kommt das Rot von Chrom. Roter Spinell fluoresziert sogar oft kräftig. Das Leuchten trennt die beiden also nicht – es trennt sie nur gemeinsam von Granat und Glas, die beide nicht glühen: Warum ein Labor-Rubin im Sonnenlicht glüht.

Der synthetische Spinell – ein eigenes Kapitel

Spinell wird seit Langem im Flammenschmelzverfahren hergestellt, genau wie Korund. Der synthetische Spinell tritt im Handel allerdings selten unter eigenem Namen auf: Er ist das Standardmaterial für Imitationen anderer Steine. Blau eingefärbt wird er als Saphir-Ersatz verkauft, grün als Smaragd-Ersatz.

Der kobaltblaue synthetische Spinell ist deshalb der klassische Fall für den Rotfilter: Er leuchtet darin auffällig rot, echter Saphir nicht – Der Chelsea-Filter.

Ist Spinell deshalb der schlechtere Stein?

Nein – und das ist die eigentliche Pointe der Kronjuwelen-Geschichte. Der Black Prince’s Ruby wurde nicht aus der Krone entfernt, als man wusste, was er ist. Er sitzt bis heute an derselben Stelle.

Mit Mohs 8 ist Spinell alltagstauglich, er hat keine Spaltbarkeit, und weil er kubisch ist, wirkt seine Farbe aus jeder Richtung gleich – was manche sogar bevorzugen. Was ihm fehlt, ist nur der Name.

Das ist derselbe Gedanke, der für Laborkorund gilt: Der Wert eines Steins am Hals und der Wert seines Namens im Katalog sind zwei verschiedene Dinge – Naturstein oder Laborstein: acht Unterschiede.

Kurzfassung

Spinell ist die älteste und berühmteste Rubin-Verwechslung der Geschichte, und sie lässt sich heute in Sekunden auflösen: Rubin zeigt zwei Farben, Spinell nie. Wer diesen einen Satz kennt, kann etwas, wozu die Kronjuweliere Europas jahrhundertelang nicht in der Lage waren.

Weiterlesen: Roter Stein, aber welcher? stellt alle roten Kandidaten nebeneinander, und Labor oder Natur? Einen Stein ohne Geräte prüfen ordnet die Tests in eine Reihenfolge.

Dieselbe Frage auf der blauen Seite: Tansanit oder Saphir?.

Der zweite kubische Kandidat, bei dem derselbe Test entscheidet: Granat oder Rubin? Wo die Dichte als Test versagt.

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