Glas unter der Lupe erkennen: Bläschen, Schlieren, Nähte
Glas ist die häufigste Verwechslung überhaupt – und die einzige, bei der man wirklich betrogen wird. Ein Laborrubin ist Korund und wird als solcher verkauft; ein grün gefärbtes Glasstück, das „Smaragd“ heißt, ist etwas anderes.
Die gute Nachricht: Glas verrät sich unter einer Zehnfach-Lupe fast immer, und zwar an Merkmalen, die kein Kristall hat.
1. Runde Bläschen
Das eindeutigste Merkmal. Beim Erstarren einer Schmelze bleiben Gasbläschen zurück, und weil eine Blase in einer zähen Flüssigkeit die energetisch günstigste Form annimmt, sind sie rund oder oval – nie eckig, nie in Reihen entlang von Kanten.
Verwechslungsgefahr besteht nur mit einer Sache: Auch Flammenschmelz-Korund kann Gasbläschen enthalten. Der Unterschied liegt in der Anordnung – im Korund sitzen sie oft in Schwaden entlang der gekrümmten Wachstumslinien, im Glas verteilt ohne Ordnung.
2. Schlieren und Wirbel
Glas erstarrt nicht völlig gleichmäßig. Zurück bleiben Bereiche leicht unterschiedlicher Dichte, die sich beim Durchschauen als schlierige, wirbelnde Streifen zeigen – wie Rührspuren in einer Flüssigkeit oder wie die Luft über heissem Asphalt.
Kristalle haben so etwas nicht. Was in einem Kristall streifig aussieht, sind Wachstumslinien – und die verlaufen geometrisch: entweder gerade und winklig (Naturstein) oder als saubere Bögen (Flammenschmelz). Der Unterschied steht in Gekrümmte Wachstumslinien.
3. Abgerundete Facettenkanten
Ein Merkmal, das man ohne Lupe sieht, wenn man weiß, wonach man schaut. Glas ist weich (Mohs 5 bis 6), und die Kanten zwischen zwei Facetten werden beim Polieren leicht rund. Korund mit Härte 9 behält messerscharfe Kanten.
Halten Sie den Stein so, dass eine Kante das Licht als Linie reflektiert: Bei Korund ist es ein scharfer Strich, bei Glas ein weiches Band.
Dazu kommt oft: Kratzer auf der Tafel. Ein Glasstein, der einige Zeit in einer Tüte oder Schmuckschatulle lag, hat feine Kratzer – Korund praktisch nie, weil ihn im Alltag fast nichts angreift.
4. Gussnähte und Formmarken
Billige Glassteine werden nicht geschliffen, sondern gepresst. Dann findet man an der Rundiste eine feine umlaufende Naht, wo die beiden Formhälften zusammenkamen – manchmal auch einen kleinen Grat.
Ein geschliffener Stein hat so etwas nie. Wenn Sie eine Naht sehen, ist die Bestimmung beendet.
5. Die Facetten stimmen nicht
Bei Pressglas sind die „Facetten“ oft ungleich groß, treffen sich nicht sauber in Punkten und wirken weich. Das ist derselbe Blick, mit dem man auch bei echten Steinen die Schliffqualität beurteilt – Rundiste und Politur.
Was ohne Lupe geht
Zwei Merkmale reichen oft schon:
- Gewicht. Glas hat eine Dichte um 2,5, Korund 4,00 – ein Unterschied von rund 60 Prozent. Bei einem Stein ab etwa 8 mm spürt man das in der Hand deutlich. Messbar wird es mit einer Feinwaage: Die Dichte verrät den Stein.
- Keine zwei Farben. Glas ist amorph und zeigt deshalb niemals Pleochroismus. Wer beim Drehen zwei Farbtöne sieht, hat kein Glas – Pleochroismus.
Der Sonderfall: Glas im Stein
Es gibt einen Fall, in dem beides zugleich zutrifft. Bei glasgefülltem Rubin wurden Risse eines echten, aber schlechten Natursteins mit Bleiglas verfüllt, um ihn klarer aussehen zu lassen. Der Stein ist Korund – aber ein erheblicher Teil dessen, was man sieht, ist Glas.
Unter der Lupe erkennt man das an blau-orangefarbenen Lichtreflexen in den gefüllten Rissen. Das ist die Behandlung, bei der ein Kauf am ehesten schiefgeht, weil solche Steine bei Reinigung oder Reparatur Schaden nehmen: Erhitzt, diffundiert, glasgefüllt.
Kurzfassung
Runde Bläschen, Schlieren, weiche Kanten, eine Naht an der Rundiste: jedes einzelne Merkmal reicht. Und wenn keine Lupe zur Hand ist: zu leicht, und keine zwei Farben.
Anders als bei der Frage Labor gegen Natur ist die Frage Glas gegen Stein zu Hause sicher zu beantworten – und sie ist die wichtigere, denn hier geht es nicht um Herkunft, sondern darum, ob Sie das bekommen haben, wofür Sie bezahlt haben.
Weiterlesen: Roter Stein, aber welcher?, Blauer Stein, aber welcher? und Zehn Warnzeichen, das die Angebote beschreibt, in denen Glas verkauft wird.
Warum der Ritztest hier gerade nicht weiterhilft: Ritzen, Anhauchen, Wasserglas.
Was dieselbe Lupe bei einem doppelbrechenden Stein zeigt: Rubellit oder Rubin?.
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