Gekrümmte Wachstumslinien: Flammenschmelz unter der Lupe erkennen

An mehreren Stellen auf dieser Seite steht derselbe Satz: Ein Gemmologe erkennt Flammenschmelz mit der Lupe meist in Sekunden. Dieser Beitrag erklärt, woran genau – und warum Sie es mit etwas Übung auch können.

Es geht um zwei Merkmale, die kein anderes Verfahren so hinterlässt: gekrümmte Wachstumslinien und runde Gasbläschen.

Warum sich der Flammenschmelz verrät

Gewachsener Kristall und gezogene Birne Links ein natürlicher Korundkristall: ein sechsseitiges Prisma mit ebenen Flächen, gewachsen über Jahrtausende im Gestein. Seine Farbzonen laufen gerade und knicken an jeder Kante im Winkel um. Rechts eine Verneuil-Birne: eine keulenförmige Schmelzmasse, die in Stunden unter der Knallgasflamme auf einem Sockel aufwächst. Ihre Wachstumsstreifen sind gebogen, und in der Mitte verläuft der Längsriss, an dem die Birne später aufspringt. Natürlich gewachsen Jahrtausende im Gestein Verneuil-Birne wenige Stunden in der Flamme gerade Zonen, Knick an jeder Kante gebogene Streifen, Riss in der Mitte gebogene Streifen Längsriss Dasselbe Mineral, zwei Entstehungswege – und genau daran erkennt die Lupe später, welcher es war.
Links der gewachsene Kristall mit geraden Zonen, rechts die Verneuil-Birne mit gebogenen Streifen. Unter der Lupe sehen Sie genau diesen Unterschied.

Beim Verneuil-Verfahren rieselt Aluminiumoxidpulver durch eine Knallgasflamme und erstarrt darunter auf einem langsam absinkenden, rotierenden Sockel. Der Kristall wächst also Schicht für Schicht auf einer gewölbten Schmelzoberfläche.

Diese Kuppelform schreibt sich ins Material ein. Winzige Schwankungen der Farbstoffkonzentration bilden Streifen, die der gewölbten Front folgen – also gebogen verlaufen, wie Jahresringe eines sehr flachen Kegels.

Ein natürlicher Korund wächst dagegen über Jahrtausende frei in einem Gestein und folgt dabei seinen eigenen Kristallflächen. Sein Farbzonenbild ist deshalb geradlinig und eckig, meist in Winkeln von 60 oder 120 Grad.

Gekrümmte gegen geradlinige Wachstumslinien Zwei Steine unter der Lupe. Links ein Flammenschmelz-Korund: Die Farbstreifen verlaufen als gebogene, zueinander parallele Bögen. Rechts ein natürlicher Korund: Die Farbzonen verlaufen geradlinig und schneiden sich in spitzen Winkeln. Flammenschmelz gebogene Streifen Natürlich geradlinige, eckige Zonen Ansicht durch die Seite des Steins, nicht durch die Tafel – bei 10-facher Vergrößerung
Der Unterschied ist geometrisch, nicht graduell: gebogen gegen gerade. Wer ihn einmal gesehen hat, verwechselt ihn nicht mehr.

So schauen Sie richtig

Die meisten Menschen sehen beim ersten Versuch nichts – und geben zu früh auf. Der Fehler liegt fast immer in der Blickrichtung und im Licht.

  1. Nicht durch die Tafel schauen. Von oben spiegelt der Schliff so stark, dass alles Innere untergeht. Schauen Sie seitlich durch den Pavillon, also schräg von unten.
  2. Licht von der Seite, nicht von vorn. Halten Sie die Lichtquelle seitlich oder hinter den Stein, sodass das Licht ihn durchleuchtet. Eine Taschenlampe neben dem Stein reicht.
  3. Den Stein in Wasser tauchen. Der Trick, den Profis benutzen: Ein Glasschälchen mit Wasser reduziert die Oberflächenreflexe drastisch, weil der Brechungsunterschied kleiner wird. Plötzlich sieht man Strukturen, die vorher unsichtbar waren.
  4. Langsam drehen. Die Streifen werden nur in einer bestimmten Blickrichtung sichtbar. Drehen Sie den Stein in kleinen Schritten und schauen Sie bei jedem Schritt neu.

Beide Hände frei bekommen. Der zweite Grund, warum Anfänger nichts sehen: Sie halten den Stein mit den Fingern, verdecken ihn dabei und können ihn nicht kontrolliert drehen. Eine einfache Steinzange löst das Problem – sie hält den Stein an der Rundiste und gibt die ganze Fläche frei.

Das zweite Merkmal: runde Bläschen

Weil der Kristall aus einer Gasflamme wächst, schließt er gelegentlich Gas ein. Diese Einschlüsse sind kugelig bis tropfenförmig und oft in Schwaden angeordnet.

Natürliche Einschlüsse sehen anders aus: kleine Kristalle mit Kanten, feine Nadeln (die Rutil-„Seide“), oder heilende Risse, die wie Fingerabdrücke aussehen. Was rund ist, war fast immer eine Gasblase.

Beides zusammen – gebogene Streifen plus runde Bläschen – ist eine sehr sichere Diagnose.

Was Sie damit nicht erwischen

Ehrlichkeitshalber die Grenzen, denn sie sind erheblich:

  • Flux und Hydrothermal zeigen das nicht. Diese Verfahren wachsen langsam und aus einer Lösung, nicht aus einer Flamme. Ihre Einschlüsse ähneln natürlichen absichtlich – schleierartige „Fingerabdrücke“. Diese Steine trennt die Lupe nicht sicher; dafür braucht es ein Labor.
  • Sehr kleine oder sehr saubere Steine zeigen unter Umständen gar nichts. Kein Befund ist kein Beweis.
  • Gefasste Steine lassen sich oft nicht seitlich durchleuchten. Bei einer Zarge sehen Sie nur die Tafel.

Für den häufigsten Fall – ein günstiger loser Stein vom Marktplatz – reicht es trotzdem: Was dort verkauft wird, ist ganz überwiegend Flammenschmelz. Warum, steht im Kaufratgeber.

Und wenn Sie es sehen: na und?

Das ist der Punkt, an dem sich diese Seite von der üblichen Entlarvungsliteratur unterscheidet. Gekrümmte Wachstumslinien sind kein Mangel. Sie sind eine Herkunftsangabe.

Der Stein ist echter Korund, Härte 9, farbstabil, ohne Spaltbarkeit – er kostet nur nichts. Interessant wird der Befund erst, wenn jemand denselben Stein als Naturrubin verkauft. Dann haben Sie in zehn Sekunden das Gegenargument in der Hand.

Fazit

Seitlich schauen, von hinten beleuchten, in Wasser tauchen, langsam drehen. Gebogene Streifen und runde Bläschen bedeuten Flammenschmelz; gerade, eckige Zonen und kantige Einschlüsse bedeuten natürliches Wachstum.

Das ist die eine Beobachtung, die eine 10-fach-Lupe wirklich leisten kann – und sie kostet nach dem ersten Mal keine Minute mehr.

Weiterlesen: Roter Stein, aber welcher? klärt zuerst, ob überhaupt Korund vorliegt, und Der einzige Makel eines Labor-Rubins erklärt, warum ausgerechnet Perfektion verdächtig ist.

Am Bildschirm statt durch die Lupe? Warum das hier schwieriger ist, als es klingt: USB-Mikroskop.

Die Schritte davor, für die Sie noch keine Lupe brauchen: Labor oder Natur? Ohne Geräte prüfen.

Ein zweiter Hinweis, der aus der Schliffrichtung kommt: Pleochroismus: zwei Farben aus zwei Richtungen.

Was unter derselben Lupe für Glas statt Korund spricht: Glas unter der Lupe erkennen.

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